Tuesday, 23. May 2017
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Zitat des Tages:
Wie kann ein Staat, der die gesamte Gesellschaft repräsentiert und die Aufgabe hat, die Gesellschaft zu schützen, sich selbst auf die gleiche Stufe stellen wie ein Mörder?
Kofi Annan
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Ein Besuch im Todestrakt
Ich wollte mir hier ein paar Minuten Zeit nehmen um zu erzählen, wie es ist, wenn man einen Sohn hat, der in Texas in der Todeszelle sitzt. Calvin war weder ein musterhafter Bürger noch einer der zur feinen Gesellschaft von Texas gehörte.

Geboren wurde er am 28. März 1953 in San Angelo in Texas. Er wurde von der Burdine Familie adoptiert, nachdem sich herausgestellt hatte, dass seine leiblichen Eltern massiv dem Alkohol verfallen waren und sich deshalb nicht um ihn kümmern konnten. So wuchs er in Forth Worth (Texas) auf. Er verließ Forth Worth (Texas) im Alter von ungefähr 13 oder 14 Jahren und verbrachte endlose Stunden auf der Straße. Dort geriet er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, allerdings wegen relativ kleiner Straftaten. Im Jahre 1983 geriet Calvin im Stadtzentrum von Houston, Texas, in schlechte Gesellschaft und wurde in das Mordgeschehen an dem 50jährigen W.T. Wise aus Houston verwickelt. Das Gericht sprach ihn für dieses Verbrechen (Mord) schuldig, und für seinen Teil an dieser Tat verurteilte es ihn zum Tode.

Auf unserer Fahrt zur Gefängniseinheit folgen wir einem großen, weißen Gefängnisbus mit bewaffneten Wärtern und vielen neuen Gefangenen. Mit einem solchen Bus ist auch Calvin vor 12 Jahren hier hergebracht worden, wie betäubt von der Wirklichkeit seiner Todesstrafe. Wir setzen unsere Fahrt fort, rollen an Feldern und Pinien vorbei und halten sogar wegen einer großen Kröte an, um sie vor dem Überfahren zu bewahren. Wenn es nur so einfach wäre, Calvin vor den Rädern der Justiz zu retten.

Der Erdboden mit seinen Pinien, Feldern und Blumen ist weit ausgedehnt, der Komplex schaut fast wie ein Stadtpark oder ein Universitätsgelände aus. Die Ähnlichkeit endet barsch am Ende des Ellis Unit 1 Gebäudes mit seinen Wachtürmen an jeder Ecke des Zaunes. Inmitten von Kettengliedern, Stacheldraht und des rasiermesserscharfen Drahtzaunes befinden sich die Backsteinhäuser mit ihren stählernen Zellenblöcken.
Der Beamte am ersten Turm kontrolliert unsere Ausweise und gibt sie uns zurück. Ein Außentor öffnet sich, dann erst das Innentor. Wir tragen uns am vorderen Empfangsthresen ein und warten dann an unserem zugewiesenen Platz hinter dem verstärkten Glas im Besucherraum. Montags bis Freitags ist Besuchszeit für die Todestraktinsassen. Wir kommen am frühen Montagmorgen an, um Calvin zu besuchen. Schließlich betritt Calvin, begleitet von einem grau uniformierten Beamten, den Besucherraum. Der Wärter schließt Calvin in einen Sicherheitskäfig aus Maschendraht und Plexiglas gegenüber seiner Mutter und mir ein, und entfernt dann seine Handschellen.

Calvin drückt seine Hand ans Glas gegenüber unserer Handflächen; getrennt von einer anderen Welt durch 1 cm Plexiglas. Calvin trägt weiße Anstaltskleidung mit einem orangen Etikett auf der Brust. Hierauf steht: "BURDINE,D/R NR.000758"(D/R Death Row), so kann man ihn sofort als Todestraktinsassen erkennen. Er hat sich verändert. In den letzten 8 Jahren ist er sichtlich gealtert und schaut erschöpft aus, doch er ist am Leben. Noch. Seine Stimme ist klar durch die perforierte Platte und den Maschendraht zu hören. Calvin drückt sich klar und verständlich aus. Er sagt, dass sein Tag mit Frühstück heute Morgen um 2.30 Uhr begonnen habe. Der Besuch sei eine sehr willkommene Abwechslung von den tristen 24 Stunden, die er normalerweise in seiner Zelle verbringen müsse. Calvin spricht ängstlich über Geschichten von zuhause und von seinem Gefängnisalltag. Er erzählt, dass das Gefängnis manchmal ein erträglicher, aber auch oft ein unerträglicher Ort sei. Außerdem sei es wichtig zu wissen, mit wem von den Gefangenen man sich abgibt und vor wem man sich besser fernhält. Seine eigene schmerzliche Erfahrung brachte ihn zu diesem Schluss. Ein anderer Häftling nämlich sprang ihn an und verletzte ihn dabei so schwer, dass er auf dem linken Auge erblindete. Nun muss er den ganzen Tag über eine schwarze Augenklappe tragen. Der Schaden wäre mit einer Operation am Auge zu beheben. Das John Sealey Hospital lehnt allerdings eine solche Operation ab, da der Zustand des zum Tode Verurteilten nicht lebensbedrohlich sei.

Als Calvin erstmals im Todestrakt Ellis Unit 1 ankam, befreundete er sich schnell mit Jerry Joe Bird, der ihm Geld für Kommissions-Snacks, Handarbeitsmaterial usw. lieh. Jerry Joe Bird wurde im Juni 1991 hingerichtet.

Die Besuchszeit vergeht sehr schnell. Pro Woche sind regulär nur zwei Stunden erlaubt. Er muss jetzt zu seiner 2 x 2,5 Meter großen Zelle zurückkehren. Er winkt uns hinter dem Glas zu. Seine Mutter und ich gehen unter Tränen hinaus, vorbei an Stacheldraht und Wachtürmen, durch das elektronische Tor, in die texanische Freiheit. Blütenstaub liegt in der Luft und die immer anwesenden Krähen kreisen über uns. Der Himmel scheint gewaltig hier, weite Felder hinter Pinien zum entfernten Horizont. Calvin Jerold Burdine Nr.000758 wird eines Tages entweder befreit durch dieses Tor gehen, oder er wird hierdurch zu seiner eigenen Hinrichtung gehen und uns für immer verlassen.



Calvin Jerold Burdine wurde mittlerweile Entlassen, nicht wegen seiner bewiesenen Unschuld, sondern wegen eines Verfahrensfehlers.

S. Burdine

(unkommentierte, korrigierte Fassung)



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