Thursday, 30. March 2017
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Zitat des Tages:
Ich lehne die Todesstrafe ab, grundsätzlich und bei jedermann.
Gerhard Schröder
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Häftling Nr. 887
Die Akten des TDCJ (Texas Department of Criminal Justice) geben Auskunft über seine letzte Mahlzeit: 2 doppelte Cheeseburger, Salat, Pommes Frites, 1 Liter eisgekühlte Pepsi, Chocolate-Brownies, 1 Becher Blue-Bell-Ice-Cream – und ein Stück Geburtstagskuchen. Die 153. Hinrichtung im US-Bundesstaat Texas seit Wiedereinführung der Todesstrafe trifft an seinem 33. Geburtstag Clifford Boggess.



Clifford Boggess - Das Verbrechen

Das Todesurteil erhielt Clifford H. Boggess für den am 23. Juli 1986 bei einem Raubüberfall verübten Mord an Frank Collier, dem 86-jährigen Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes in Saint Jo, Texas. Die Autopsie ergab, dass Colliers Kehle durchschnitten war und er verschiedene Verletzungen aufwies, von denen eine im Gesicht wie der Abdruck eines Tennisschuhs aussah. Einen Monat später erschoss Boggess den Ladenbesitzer Ray Vance Hazelwood ebenfalls bei einem Raubüberfall, wofür er eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erhielt.



Die Biographie

Cliff Boggess wurde am 11. Juni 1965 als achtes Kind einer manisch-depressiven und alkohol- sowie drogenabhängigen Mutter geboren, die lange Jahre ein Verhältnis mit dem Chef ihres Mannes hatte. Boggess war das fünfte Kind dieser außerehelichen Beziehung; der leibliche Vater beging noch zur Zeit der Schwangerschaft Selbstmord. Als Cliff 11 Monate alt war, wurden der Mutter staatlicherseits alle Kinder wegen Vernachlässigung und Missbrauchs weggenommen. Erst als die Mutter in ihr Leben wieder eine gewisse Ordnung gebracht hatte, erhielt sie ihre Kinder nach und nach zurück. Als die Reihe an Cliff kam, erklärte die Mutter, sie habe genug Kinder und könne ihn nicht brauchen, und überschrieb ihre Elternrechte dem Staat. (Das weitere Schicksal der leiblichen Mutter brachte er erst in den Jahren im Gefängnis in Erfahrung: Sie wurde 1979 von einem betrunkenen Ex-Mann vergewaltigt und zu Tode geprügelt.) Nach Aufenthalt in zwei verschiedenen Pflegeheimen wurde Cliff im Alter von zwei Jahren von einem 20-jährigen Seemann und seiner Frau adoptiert, die sich zwei Jahre später scheiden ließen. Mit vier Jahren kam Cliff daher schließlich nach Saint Jo zu den Eltern seines Adoptivvaters, die ihm nur wenig Liebe und Verständnis entgegenbrachten. Als Jugendlicher fühlte Cliff sich weder zu der Boggess-Familie noch zu seinem Heimatort Saint Jo wirklich zugehörig. Engere Kontakte zu Gleichaltrigen oder Freunde hatte er kaum; die nächsten Kinder seines Alters lebten mindestens fünf oder sechs Blocks entfernt auf der anderen Seite des State Highway im anderen Teil der Stadt, und Boggess’ Adoptivgroßmutter ließ ihn kaum von zu Hause fort. Seine ehemaligen Lehrer und Schulkameraden erinnern sich an ihn als guten Schüler, guten Klavier- und Footballspieler, höflich, aber mit aufbrausendem Temperament.
Als junger Erwachsener fühlte er sich bald in der Gesellschaft von Alkoholikern und Drogenabhängigen daheim, nahm selbst Drogen wie LSD und trank Unmengen von Alkohol. Wegen Drogen- und Alkoholmissbrauchs flog er zunächst vom College und wurde später aus der Armee entlassen. Auf einen missglückten Versuch, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, folgte der Entschluss, sich um gar nichts mehr zu kümmern, gleichgültig der Folgen, die dies für ihn und andere haben würde. "Ich ging und kaufte einen Kasten Bier, LSD für fünf Trips, etwas Speed für intravenösen Gebrauch, ein paar Zigaretten und begann eine ausgesprochen selbstzerstörerische Sauf- und Drogentour, die mich 65 Tage später ins Gefängnis brachte, verdächtigt (und schuldig) zweier Morde."



Meine Geschichte mit Cliff

Ich lernte Cliff im Dezember 1997 dadurch kennen, dass ich eine Freundin, die mit ihm bereits mehrere Jahre in brieflichem Kontakt stand, nach Huntsville, Texas, begleitet habe, als sie ihn dort besuchen wollte. Der Mensch, der uns dort begegnete, machte auf mich einen außerordentlich sanften und mitfühlenden Eindruck – kaum vorstellbar, dass dies derselbe Mann sein sollte, der elf Jahre zuvor auf brutale Weise zwei Menschen getötet hatte. Erst nach diesem Besuch begann ich selbst, Cliff zu schreiben. Ein paar Dinge, oder besser: Empfindungen, die er über seine Kindheit geäußert hatte, konnte ich für mich persönlich in ganz ähnlicher Weise nachempfinden. Bereits beim Lesen seines dritten Briefes hatte ich das Gefühl, dass mich nie zuvor in meinem Leben jemand in der Tiefe meines Wesens so gut verstanden hat wie er. So entstand in erstaunlich kurzer Zeit eine sehr enge Freundschaft. Im April 1998 flog ich ein weiteres Mal, diesmal allein, nach Texas, um Cliff zu besuchen. Zwei Wochen später erreichte mich die Nachricht, dass der Termin seiner Hinrichtung auf den 11. Juni festgelegt worden war, zusammen mit der Frage, ob ich kommen würde, um ihn in seinen letzten Tagen zu besuchen und bei der Hinrichtung dabei zu sein.
Ich hatte zu der Zeit bereits darüber nachgedacht, was ich tun würde, wenn diese Frage auf mich zukäme, und war – wie auch meine Freundin – zu dem Ergebnis gekommen, dass die Vorstellung, zu Hause zu sitzen, auf die Uhr zu schauen, zu wissen, was passiert, und rein gar nichts tun zu können, noch entsetzlicher war als der Gedanke, dem allem zuzusehen und dabei Cliff mit meiner bzw. unserer Anwesenheit wenigstens das Gefühl geben zu können, dass er in seinen letzten Minuten nicht allein ist. So sah Texas uns ein zweites bzw. mich ein drittes Mal, und das Erleben, einen Menschen, einen Freund, vor meinen Augen sterben zu sehen, hat sich unauslöschlich in meine Seele eingegraben.



Kunst und Malerei

Nach allem, was ich weiß und selbst erfahren habe, bin ich davon überzeugt, dass Cliff Boggess sich in den 12 Jahren, die er im Todesstrakt von Huntsville zubrachte, sehr verändert hat. Laut seiner eigenen Aussage trug seine Beschäftigung mit Kunst und Malerei wesentlich zu dieser Veränderung bei. Er begann zu zeichnen und zu malen, probierte dabei die unterschiedlichsten Techniken und Stile aus, von Realismus über Impressionismus bis hin zu abstrakten Werken. Seine Malerei brachte ihn dazu, in sich selbst hinein zu sehen, sich zum ersten Mal mit der Tiefe seines eigenen Wesens zu beschäftigen. So entwickelten sich nicht nur seine künstlerischen Fähigkeiten mit den Jahren in der Todeszelle; auch er selbst wurde ein anderer. "Seine Kunst war ein Weg, sich selbst zu verändern: von einem zornigen, bösen Jugendlichen zu einem jungen Mann, der Einfühlungsvermögen und Liebe für andere Menschen besitzt", äußerte Cliff’s Anwalt.

Sein Verhältnis zu seinen Werken beschreibt Cliff selbst so: "Wenn ich hier sterbe, werde ich keine Kinder nach mir haben, niemanden, der meinen Namen tragen wird. Meine Gemälde sind meine Kinder. Sie werden geboren in der Tiefe meiner Seele und meines Verstandes, ich sorge für sie und bringe sie zur Reife, und dann sende ich sie in die Welt, hoffe, dass man sie gut behandelt und dass jemand sie so liebt, wie ich sie liebe."

Obwohl die Motive seiner Werke sehr verschieden waren, lagen ihm die Bilder, die seinen Gefängnisalltag widerspiegeln, am meisten am Herzen: "Meine Death Row Serien sind mir am wichtigsten, mein Vermächtnis, das für mich sprechen soll, wenn ich nicht mehr da bin. Ich möchte der Welt den Schmerz, die Isolation und die Grausamkeit des Todestrakts zeigen und wie es ist, hier zu leben. Und ich möchte zeigen, dass die Männer hier keine Tiere sind, sondern menschliche Wesen."



Im Januar 1998 schrieb die New York Times über eine Kunstausstellung mit Werken von 75 verschiedenen Gefängnisinsassen: "Nur ein paar wenige Werke hier reichen an das Niveau des allgemeinen Kunstmarktes heran, unter ihnen das farbenreiche, fast ausschließlich aus Papier gemachte Modell eines Trawlers von Arnold Davila; die kleinen Wasserfarben- und Bleistiftwerke von Arnoldo Tavita Jr.; die Tintenzeichnungen von Clifford Boggess, der im Todestrakt lebt und Bilder vom Todestrakt macht; und die kleinen Skulpturen von Alvin Kravitz."



Der andere Cliff

Ein weiterer für Cliff wesentlicher Aspekt, der maßgeblich zu seiner Veränderung beigetragen hat, war sein Glaube an Gott, zu dem er in den Jahren im Gefängnis fand. Wie immer man persönlich dazu stehen mag, Tatsache bleibt, dass dieser Glaube Cliff ein ungeheures Maß an Kraft und innerem Frieden geschenkt hat. Aus diesem Glauben heraus hatte Cliff sich für Ehrlichkeit entschieden und seine Verbrechen zugegeben, wohl wissend, dass dies Geständnis ihn das Leben kosten würde. Und ich bin überzeugt, dass Cliff seine Taten ehrlichen Herzens zutiefst bereute und alles getan hätte, um das von ihm verursachte Leid ungeschehen zu machen. Cliff hat die Verantwortung für das, was er getan hatte, voll und ganz übernommen, niemand anderem als sich selbst die Schuld gegeben, auch keinen äußeren Umständen wie seiner Kindheit. In den Tageszeitungen der Orte seiner Verbrechen ließ er – adressiert an die Familien, Freunde und Bekannten seiner Opfer – veröffentlichen:
"Wenn jemand irgendwelche Zweifel hat, die Antwort ist: Ja! Ich bin schuldig an beiden meiner Verbrechen. Niemand trägt die Schuld als ich allein. Niemand hat mich an diesen Ort gebracht als ich selbst. Ich habe schreckliche Entscheidungen getroffen in meinem Leben und entsetzliche Dinge getan. Es tut mir leid. Ich bitte jeden einzelnen von euch aufrichtig um Vergebung. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und allen Schaden und alle Zerstörung, die ich angerichtet habe, ungeschehen machen. Leider ist das unmöglich. Mein Herr und Retter Jesus Christus hat mir vergeben, aber ich verstehe, dass ihr es nicht könnt. Und so – wie der Verbrecher am Kreuz auf dem Kalvarienberg – gehe ich bereitwillig, meinen Schöpfer zu sehen. Ich werde hingerichtet werden am 11. Juni. Ich hoffe und bete, dass euch dies etwas Frieden bringt."



Zu seiner Hinrichtung hatte Cliff lange Zeit ein eher ambivalentes Verhältnis. Bis der Oberste Gerichtshof seine letzten Eingaben im April 1998 abgelehnt hatte und das Hinrichtungsdatum festgelegt war (die Festlegung auf seinen Geburtstag war Cliffs eigener Wunsch), war er zwar bereit gewesen, die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit seiner Exekution zu akzeptieren, hatte die Hoffnung jedoch nicht aufgegeben und forderte uns in seinen Briefen auf, dafür zu beten, dass der Supreme Court seinem Berufungsantrag stattgeben würde. Als das Gericht anders entschied, akzeptierte Cliff dies nicht nur, sondern sah seinem Tod als einer Befreiung bereitwillig entgegen. "Susie, Du wirst doch nicht wirklich wünschen, dass ich noch weitere 40 Jahre in diesem Höllenloch hier zubringe, oder?", sagte er einer Freundin aus England, die ihn im Mai noch besuchte.



Das Höllenloch war eine etwa 1,5 x 2,7 Meter große Zelle, ausgestattet lediglich mit einer Schlafbank (und Toilette). Die Schlafbank nutzte er als Arbeitsplatz und Ablage für seine Mal-Utensilien; Schuhe, Schreibzeug und Bücher deponierte er darunter. Die ca. 5 cm dünne Matratze stand tagsüber aufgerollt in einer Ecke, um zum Schlafen auf dem Fußboden ausgerollt zu werden. Jeder noch so kurze Weg aus der Zelle erfolgte in Handschellen und mit Strip-Search (Durchsuchung unter Ablegen sämtlicher Kleider) vor- und nachher.

Es trifft den Kern der Sache nicht, zu sagen, Cliff hätte sich mit seiner bevorstehenden Hinrichtung abgefunden, denn diese Wortwahl enthält etwas Resignatives, und der Begriff Resignation trifft – trotz sicherlich auch mancher Anfechtung – Cliff’s Verfassung in seinen letzten Tagen und Wochen in keiner Weise. Seine Glaubensüberzeugung gab ihm bis ganz zuletzt eine ungeheure Kraft und Zuversicht, ja, sogar Fröhlichkeit, an der er uns teilhaben ließ; er war "anxious to go". Seine einzige Sorge in seinen letzten Tagen war, wie wir mit seinem Tod und der Zeugenschaft seiner Hinrichtung fertig werden würden. Immer wieder versicherte er uns, dass sein Tod eine Befreiung für ihn sei, der Weg in ein anderes, ein besseres Leben, dass unser Abschied kein endgültiger, sondern nur einer auf Zeit sei, er in dem anderen Leben auf uns warte und wir – trotz des verständlichen Schmerzes über die Trennung – uns mit ihm und für ihn freuen sollten. Und immer wieder erinnerte er uns mit schier unglaublicher Überzeugungskraft an den Satz, den Jesus dem Verbrecher am Kreuz sagte: "Heute wirst Du mit mir im Paradies sein!" Nicht morgen und nicht irgendwann, sondern HEUTE! Und doch blieb auch bei Cliff wohl ein Rest Traurigkeit, seine Freunde verlassen zu müssen und so manches seiner geplanten Bilder ungemalt zu lassen. Das vielleicht einzige, was ihm in den letzten Wochen seines Lebens fehlte, war Zeit.



Die Hinrichtung

Der erste schwere Teil des Tages war mittags vorüber: der Abschied von Cliff nach unserem letzten Besuch, ein Abschied nicht ohne Tränen, aber ohne die Möglichkeit, einander auch nur die Hand zu reichen. So genannte Kontaktbesuche gibt es nicht für Todeskandidaten in Texas; immer war Glas und Gitter zwischen uns. Erst Tage oder Wochen später hatte ich zu Hause den Gedanken, ob ich nach Cliff’s Hinrichtung in das Leichenschauhaus von Huntsville hätte gehen sollen. Es wäre meine einzige Chance gewesen, Cliff einmal ohne Drahtgitter und Glas zwischen uns zu sehen.
Am Nachmittag suchte uns der zuständige Gefängnispfarrer, Chaplain Brazille, auf, teilte uns zunächst mit, dass es Cliff gut ginge, er uns grüßen und ausrichten ließe: "Remember: TODAY...", und erklärte uns dann in allen Einzelheiten, was auf uns als Zeugen der Hinrichtung zukäme. Es war sicher wichtig für uns, so gut wie möglich vorbereitet zu sein, allerdings begann an dieser Stelle für mich ein Gefühl, das mich bis zum Schluss nicht mehr verließ: Alles wirkte wie ein Ritual, jeder Schritt und Handgriff war bis in alle Einzelheiten vorausgeplant. Es war das Empfinden, diese Situation müsse absolut irreal sein, und gleichzeitig das klare Bewusstsein, sehr wohl zu wissen, dass dies wirklich geschieht und kein böser Traum ist.



Kurz nach 17.00 Uhr fuhren wir weisungsgemäß an der Rückseite des Verwaltungsgebäudes vor, wurden dort von zwei Bodyguards in Empfang genommen, die von nun an bis zum Schluss nicht mehr von unserer Seite wichen, wurden in einen Raum geführt und verbrachten dort den größten Teil der Zeit mit Warten. Für einen Pat-Search (Durchsuchung durch Abtasten) wurden wir von weiblichen Beamten in einen anderen Raum geführt, denen ihre Aufgabe allerdings nicht sonderlich angenehm zu sein schien, weshalb sie sie relativ oberflächlich durchführten. Im Stockwerk über uns, erfuhren wir, befanden sich zwei Angehörige von Cliff’s Opfern, um der Hinrichtung als Zeugen beizuwohnen. Es wurde peinlichst darauf geachtet, dass beide "Parteien" sich nicht über den Weg laufen konnten.

Es muss um 18.00 Uhr herum gewesen sein, als man uns – vorbei an ein paar Fernsehkameras und wenigen Demonstranten – den kurzen Weg über die Straße in das gegenüberliegende Gebäude, die Walls Unit, in der die Exekutionen durchgeführt werden, eskortierte. In einem Büroraum mussten wir erneut fünf oder zehn Minuten warten, bis wir schließlich in den Zeugenraum geführt wurden. Ich weiß nicht mehr, ob nur meine Knie vor Angst zitterten oder mir das Herz bis zum Hals schlug. Der Zeugenraum ist so klein, dass keine Stühle darin stehen; nebenan, durch eine Wand links von uns getrennt, befinden sich die Angehörigen der Opfer. Zu viert – drei Freunde Cliff’s und sein geistlicher Beistand, ein Franziskanerpater, (von Cliff’s Familie war niemand da) – stehen wir eng gedrängt unmittelbar vor einer Glasscheibe, hinter uns die Bodyguards und wohl auch noch ein paar Reporter, die ich gar nicht wahrgenommen habe. Vor uns der Hinrichtungsraum mit seinen blau gestrichenen Wänden, so, wie wir ihn schon wiederholt auf Bildern oder im Fernsehen sahen, aber in Wirklichkeit ist er viel kleiner, als er auf Bildern wirkt. Buchstäblich zum Greifen nah – wenn das Glas nicht wäre – liegt Cliff vor uns auf der Liege, festgeschnallt mit unzähligen Gurten – nur den Kopf kann er leicht drehen –, die Arme mit den Infusionsnadeln ausgestreckt, die Hände völlig umwickelt, bereit für die tödliche Injektion, bereit eingeschläfert zu werden, wie man einen alten oder kranken Hund einschläfert. Zu seinen Füßen steht der Gefängnispfarrer, eine Hand auf Cliff’s Bein.



In diesem Moment empfinde ich die Menschheit als unglaublich überheblich, weil hier Menschen im vollen Bewusstsein dessen, was sie tun, einem anderen Menschen das Leben nehmen. Gewiss, das hat Cliff auch getan, und das war schlimmstes Unrecht. Aber dies hier soll im Namen von Recht und Gesetz geschehen!? Wem nützt dieser Tod irgendetwas? Mir nimmt er einen Menschen, der mir in kürzester Zeit zu einem unschätzbar wertvollen Freund wurde. Und wer von uns allen hier, die wir zusehen, wie Cliff getötet wird, wird wohl mit solch einer Kraft, Zuversicht und Würde in den Tod gehen wie er?

Als wir den Zeugenraum betreten haben und Cliff uns sieht, begrüßt er uns und lächelt dabei breit über das ganze Gesicht. Irgendwie bin ich überrascht. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe; eigentlich passt das genau zu ihm, ist typisch; und vielleicht ist mir sein breites Lächeln nur deshalb so unbegreiflich, weil meine Gesichtszüge sich in dieser todernsten Situation wie eingefroren anfühlen. Am nächsten Tag erfahre ich durch die Zeitung, dass Cliff’s Lächeln und seine positive Haltung ihm von den Angehörigen der Opfer negativ ausgelegt wurden, er habe die Sache nicht ernstgenommen und überhaupt sei alles viel zu einfach gewesen. Ich habe Zweifel, dass sich Cliff’s Wunsch, seine Hinrichtung möge den Angehörigen seiner Opfer den ersehnten Frieden bringen, erfüllt hat.



Cliff beginnt seine letzten Worte und wendet sich zunächst an die Angehörigen seiner Opfer, erklärt, dass ihm leid tut, welchen Schmerz er ihnen zugefügt hat. Dann schaut er uns an und sagt:

"Meine Freunde, ich liebe euch und bin glücklich, dass ihr ein Teil meines Lebens gewesen seid. Ich werde euch vermissen. Vergesst nicht: HEUTE werde ich mit Jesus im Paradies sein, und ich werde euch wiedersehen." Während er so zu uns spricht, ist sein Lächeln verschwunden und die Mundwinkel zucken, als kämpfe er mit den Tränen. Dann blickt er nach oben, spricht ein Gebet, schaut noch ein letztes Mal in unsere Richtung, flüstert: "I love you", dreht den Kopf zurück, und das Gift strömt in seine Adern.

Es geht sehr schnell, und er ist bewusstlos, rührt sich nicht mehr; nach Sekunden hören wir ein einziges Mal das einem Schnarchen ähnliche Geräusch, wenn die Lungen kollabieren und die Luft entweicht, das uns der Gefängnispfarrer am Nachmittag noch demonstriert hatte. Dann passiert eine Ewigkeit lang nichts. Vier Minuten, so wurden wir zuvor informiert, werde nach Verabreichung der Infusionen gewartet. Vier endlos scheinende Minuten starren wir auf den leblosen Körper vor uns, bis ein Arzt den Raum betritt, Cliff untersucht, den Tod feststellt und den Todeszeitpunkt als 18.21 Uhr verkündet.

Wir werden aus dem Zeugenraum herausgeführt, müssen an irgendeiner Stelle warten, um der anderen Gruppe, den Angehörigen der Opfer, genug Vorsprung zu lassen, überqueren noch einmal die Straße, vorbei an den Kameras, und werden im unteren Stockwerk des Verwaltungsgebäudes schließlich entlassen. Es ist vorbei.



Nachtrag
Ohne dass wir davon Kenntnis hatten, war zur selben Zeit von Cliff’s Hinrichtung ein Team der Zeitschrift "Stern" und des TV-Magazins "sternTV" in Huntsville für einen Bericht zum Thema Todesstrafe und ein Portrait des ehemaligen Gefängnispfarrers, des Vorgängers von Chaplain Brazille. Aufhänger sowohl für den Zeitschriftenartikel als auch für den Fernsehbeitrag war die damals gerade aktuelle Hinrichtung von Clifford Boggess, und eine der Kameras, die unseren Hin- und Rückweg über die Straße zwischen Verwaltungsgebäude und Walls Unit begleitete und aufzeichnete, war die eines deutschen Fernsehsenders gewesen. Ein Vierteljahr später erreichte mich ein Anruf: Man hatte uns ausfindig gemacht und bat uns um ein Live-Interview in der Sendung "sternTV". In einem Vorgespräch konnten wir den Filmbeitrag vorab anschauen. Ich sah die Bilder, und die Zeit war wie zurückgedreht. Weil der Beitrag gut gemacht war und die Öffentlichkeit immer wieder auf die Realität der Todesstrafe hingewiesen werden sollte, nahmen wir die Chance wahr und sagten zu.
Und noch einmal setzte ich mich mit dem Erlebten auseinander. Im Februar 1999 sendete das US-Fernsehen unter dem Titel "The Execution" eine 90-minütige Dokumentation über Cliff, die ich als Video erhielt.



Die Dokumentation ist grundsätzlich gut gemacht, versucht verschiedene Seiten aufzuzeigen und läßt daher neben ihm selbst alle zu Wort kommen, die etwas über Cliff zu sagen hatten. Der Korrespondent wirft mit dem Film die Frage auf, ob es einen Sinn gemacht hat, Cliff Boggess hinzurichten, und läßt die Antwort am Ende offen, überläßt es dem Zuschauer, eine eigene Antwort zu finden.



Entsprechend gegensätzlich waren die Reaktionen in den Zuschriften nach der Sendung. Von: "Boggess war ein Monster, er soll in der Hölle brennen", über sachlich differenzierte Äußerungen pro und contra, bis zu Todesstrafe-Befürwortern, die aufgrund des Films für sich erkannten, dass die Todesstrafe keinerlei Gewinn bringt, und demzufolge ihre Meinung änderten, reicht die Palette. Doch es waren nicht diese Zuschauer-Beiträge, sondern die Auffassung des Korrespondenten, Cliff habe sich nicht wirklich geändert, sei lediglich ein guter Schauspieler gewesen, was für Psychopathen typisch sei, die mich nachdenklich machte. Cliff habe zwar alles versucht, sich zu ändern und menschlich zu werden, gesteht der Korrespondent ihm zu, sei aber nicht erfolgreich gewesen. Ich habe mich mit dieser Möglichkeit auseinandergesetzt, sie tatsächlich an mich herangelassen, sehr ernsthaft darüber nachgedacht, die Argumente abgewogen – und bin anderer Meinung. Ich bleibe davon überzeugt, dass Cliff’s Veränderung echt war; der Cliff, den ich kannte, war nicht mehr derselbe Cliff, der die furchtbaren Verbrechen verübt hatte. Und dass er vor einem ihm im Grunde fremden Reporter nicht in Tränen ausbricht, wenn er über seine Taten spricht, heißt nicht, dass er sie nicht zutiefst bereut.



Ich bin wiederholt gefragt worden, wie ich mit dem Erlebnis der Hinrichtung Cliff’s fertig geworden sei. Ich denke, ich habe großes Glück gehabt, dass die zu erwartenden Alpträume und psychischen Probleme oder gar Schäden nicht eingetreten sind. Die Gründe dafür liegen einerseits vielleicht in der Tatsache, dass ich aufgrund aller Fakten so realistisch war und nie die Hoffnung hatte, die Geschichte könnte anders ausgehen; ich war mir von Anfang an über das Ende im klaren. Zum anderen hat Cliff erfolgreich versucht, es uns so leicht wie irgend möglich zu machen. Hätte er seinem Tod nicht so positiv und zuversichtlich gegenüber gestanden, wäre er verzweifelt und depressiv gewesen, hätte er resigniert oder sich innerlich gesträubt und gewehrt, wäre es für mich bzw. uns mit Sicherheit sehr viel schwerer gewesen. Aber obwohl ich meine Freundschaft mit Cliff in keiner Weise bereue und alles genauso wieder täte, wenn ich noch einmal da hineinschlittern würde: Ich habe lange gezögert, einem anderen Häftling im Todestrakt zu schreiben, weil ich nicht selbst aktiv etwas dazu beitragen wollte, eine solche Situation unter Umständen noch einmal zu erleben. Meine Kontakte zu ein paar wenigen von Cliff’s Freunden im Todestrakt von Huntsville sind daher auch bei weitem nicht so intensiv. Aus nur einem Brief eines seiner Freunde: "Von allen Leuten, die ich in meinem Leben verloren habe, vermisse ich Cliff am meisten. Jeden Tag wünschte ich, er wäre hier und ich könnte mit ihm über das eine oder andere reden. Er war wie ein Bruder für mich." Ja, ich vermisse ihn auch. Cliff hat auch in meinem Leben seine Spuren hinterlassen.



Clifford Boggess



ein Beitrag von Gabi Uhl

Weitere Informationen zu Clifford Boggess finden Sie unter www.todesstrafe-texas.de

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