Wednesday, 13. December 2017
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Zitat des Tages:
Hat er aber gemordet, so muss er sterben.
Immanuel Kant
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Das Ende vor Augen
Vor neun Jahren wurden in Texas zwei Kinder erschossen. Ein Prozess folgte, ein Urteil. Und seither erwartet ein Mann seinen Tod Von Ingo Wolff, Houston Der Metalldetektor schweigt. Er wirkt hilflos im kleinen Empfangshaus im Gefängnis von Livingston. Gegen die Prozedur auf amerikanischen Flughäfen ist die Sicherheitskontrolle im am schwersten bewachten Gebäude von Texas dürftig. Noch wenige Schritte, dann betritt man die „Allan B. Polunsky Unit“. Hier warten die 440 männlichen Todeskandidaten von Texas auf ihre Hinrichtung. Leise schiebt sich eine Eisentür hinter dem Besucher zu. Für Sekunden ist er in einer letzten Schleuse gefangen. Dann öffnet sich die zweite Tür zum Besucherraum. Anthony Medina wartet schon. Obwohl es vor der verabredeten Zeit ist, sitzt der 30-Jährige bereits da, in einem weißen Käfig, in dem der kräftige Mann wirkt wie ein Raubtier. Er schaut geduldig durch eine dicke Glasscheibe. „Sie haben 45 Minuten Zeit“, sagt der Wärter. Medina muss noch etwas unterschreiben, und dann dürfen er und sein Besucher zum Telefonhörer greifen. Es rauscht nicht, beide sitzen eine Armlänge voneinander entfernt, und trotzdem klingt die andere Seite kilometerweit weg. Es ist kein guter Ort, um über Gefühle zu reden, dennoch gibt sich Medina Mühe. Es ist das erste Mal seit seinem Prozess, dass er mit einem Reporter spricht. Über Gefühle reden? Wer hier sitzt, hat vorher gezeigt, dass er keine hat. Herr Medina, wie lebt man mit dem Tod? Sie sind verurteilt worden, weil Sie zwei Menschen umgebracht haben, und nun warten Sie seit neun Jahren auf Ihren eigenen. Im Durchschnitt wartet man hier acht Jahre. Medina ist Halbmexikaner, er spricht langsam und mit weichen Worten. Manchmal schaut er ihnen nach. Nicht der ganze Kopf. Nur die Augen. Sie rollen langsam nach oben, und die Lippen pressen sich dabei unter immenser Anstrengung zusammen. Das ganze Gesicht scheint vor Kraft zu platzen. Anthony Medina unterdrückt dann seine Tränen. „Ich versuche, nicht an den Tod zu denken, aber manchmal passiert es eben“, sagt er. Er hält den Hörer fest wie ein rohes Ei. Anthony Medina hatte seit neun Jahren kaum Körperkontakt mit anderen Menschen. Allenfalls Wärter oder Mediziner haben ihn seit seiner Verurteilung berührt. Doch niemand, der ihm etwas bedeutet. Weder seine beiden Schwestern noch seine drei Kinder noch seine Eltern. Seine Mutter darf ihn erst wieder anfassen, wenn er tot ist. Nach seiner Hinrichtung. Das ist ein Teil der Strafe in der Besserungsanstalt, wie das Gefängnis auf dem glänzend-silbernen Schild neben dem Haupteingang genannt wird. „Ich mag keine Gefühle“, sagt Medina, aber er hat welche, das sieht man. Und nichts lässt auf die Tat schließen, für die er am 30. Juli 1996 von einem Gericht in Houston zum Tode verurteilt wurde. Es war die Neujahrsnacht 1996 in Houston. Anthony Medinas Auto ist kaputt, und er wirft seine ursprünglichen Pläne um. Er entscheidet sich kurzfristig, mit seinem Cousin Alex auf zwei Partys zu gehen, zu alten Freunden, die er eigentlich nie wieder sehen wollte. Sie alle sind Gangster, Mitglieder der Bande „La Raza 13“. Medina kennt die meisten, seit er zwölf ist. Er ist das, was sie in den USA einen bad guy nennen, einen bösen Jungen. Er ist vorbestraft, ein Schwerverbrecher ist er nicht. Er hat zwei Kinder von zwei Frauen, hatte sich mehrfach von der Gang losgesagt, für fast ein Jahr ist er jetzt schon ein fürsorglicher Familienvater. Dann fallen Schüsse. Aus einem Auto heraus wird auf eine Menschengruppe vor einem Wohnhaus in Campden Hill im Südwesten von Houston geschossen. Vermutlich ein Beziehungsstreit zwischen einem Gangmitglied und einem Mädchen. Der neunjährige David Rodriguez und seine 15-jährige Schwester Diane sterben. Ihre 19-jährige Schwester Veronica wird ebenfalls getroffen, sie überlebt schwer verletzt und sagt später aus, ein Schwarzer habe auf sie geschossen. Ihre Aussage wird jedoch nie vor Gericht verwendet. Es gibt mehrere Verdächtige. In dem Auto sollen sieben Menschen gesessen haben, zwei schwarze Männer, drei aus Mexiko und zwei Frauen. Das bezeugen mehrere Partygäste. Der schwerste Verdacht fällt zunächst auf Dominic Holmes, einen Schwarzen. Holmes wird gesucht, und als die Tatwaffe mit seinen Fingerabdrücken gefunden wird, erhebt der Staat Anklage. Die wird jedoch fallen gelassen, als er gegen Medina aussagt. Ebenso wie zwei weitere Mitfahrer gegen Medina aussagen. Präzise Aussagen über den Tathergang, die Zeit davor oder danach gibt es nicht. Die Insassen widersprechen sich. Auch die Gäste beider Partys legen unterschiedliche – sich zum Teil widersprechende – Aussagen ab. Nur in einem sind sich fast alle einig: Medina hat geschossen. Er bestreitet das. Doch seine Strafverteidiger sind nicht motiviert. Es sind Pflichtverteidiger, die vom Staat bezahlt werden. Sie beschäftigen sich 30 Stunden lang mit dem Fall, 600 sind üblich bei so einer Sache. Sie sprechen nur mit drei der 20 Zeugen, die das Gericht vorführt. Eigene Entlastungszeugen präsentieren sie nicht. Der einzige unabhängige Zeuge der Schießerei ist Leon Guy. Er sagt aus, er habe einen Weißen oder einen Mexikaner gesehen. Guy war allerdings betrunken. Mit dieser Aussage ist Holmes entlastet. Leon Guy wird die Jury am Ende glauben – obwohl er vorbestraft ist, doch das haben die Geschworenen nicht erfahren. Sie sprechen Anthony Shawn Medina schuldig, er wird zum Tode verurteilt. „Die Bilder von der Verhandlung habe ich noch vor Augen“, sagt Medina, „genauso wie die erste Nacht in der Todeszelle. Wie ein Tier habe ich mich auf dem Weg in die Zelle gefühlt. In Hand- und Fußschellen, geschoben in einen Raum, dessen Tür dann geschlossen wurde und wo die dunkle, leere Einsamkeit auf mich gewartet hat.“ Er nimmt die Brille ab. „Die habe ich mir aus einem alten Gestell machen lassen“, sagt er. Eine neue Brille bekommen Gefangene nicht bezahlt. Auch sonst müssen oder können sie sich viele Dinge selber kaufen. Im Gefängnisshop. „Das Essen ist nicht schlecht“, sagt Medina. „Andere sagen, es ist nur Dreck“, sagt Christa Haber. Sie ist die Witwe des in diesem Frühjahr hingerichteten Troy Kunkle. Dessen Fall hat in Deutschland einiges Aufsehen erregt, denn Kunkle wurde in Nürnberg geboren. Christa Haber vermietet jetzt Zimmer an Angehörige der Todeskandidaten. Ihr Gästehaus steht in einem Waldstück, nur wenige Schritte vom Gefängnis entfernt. Morgens sind Greifvögel zu hören. Das Haus hat Klimaanlage. Anders als die Insassen von Livingston. „Das Gefängnis ist kein Fünfsternehotel“, heißt es im gefängniseigenen Museum. Dort wirbt man auch für neue Mitarbeiter. „A great place to work“ – ein großartiger Platz zum Arbeiten, heißt der Werbeslogan. „Sie haben bei den Bedingungen hier Schwierigkeiten, neue Leute zu finden“, sagt ein Gefängnisangestellter abends in der angrenzenden Kneipe. Die psychische Belastung ist hoch. Aber die Wärter machen ihren Job überwiegend anständig, bestätigt Medina. Es ist nicht klar, ob hier im Besucherraum die Telefone abgehört werden. Im Rücken des Besuchers geht ein Wärter zum Getränkeautomaten, eine Dose landet im Auswurfschacht. Der Pepsi-Schriftzug spiegelt sich in der Glasscheibe, neben Medinas Gesicht. „Meine Eltern stehen zu mir“, sagt er und wirkt einen Augenblick glücklich. Viel gelacht hat er in den vergangenen Jahren nicht. „O ja, er kann aber lachen“, sagt seine Mutter Golda. „Wenn seine beiden Söhne da sind.“ Golda Medina bringt den elfjährigen Matthew und den zehnjährigen Jonathan regelmäßig mit ins Gefängnis. Sie selbst und ihr Mann besuchen ihren Sohn jede Woche abwechselnd. Auch die Großeltern kommen ihn besuchen und schicken jeden Monat 50 Dollar. Damit lässt sich das Nötigste kaufen im Shop. Nur die Tochter, zeitgleich mit dem ersten Sohn geboren, kommt nicht. „Mercedes habe ich schon vier Jahre nicht gesehen“, sagt Anthony Medina. „Die Mutter will es so.“ Medina sagt: „Ich male viel.“ Außerdem liest er und schreibt Gedichte. „Zurzeit suche ich einen Verlag, der sie abdruckt.“ Einen Geschichtenband will er ebenfalls veröffentlichen. „Eine Story handelt von einem Freund, den sie erschossen haben.“ Vor seinen Augen. Da war Medina zwölf. „Damals habe ich nie darüber nachgedacht, ob ich etwas falsch mache.“ Er spricht die Zeit als Gangmitglied an. „Ich habe die Freundschaften und die Nähe genossen. Aber heute weiß ich, dass es ein Fehler war.“ „Er ist nicht typisch für einen Insassen in einem Todestrakt“, sagt sein Anwalt Morris Moon. „Die meisten denken niemals über ihre Fehler nach. Sie spielen die harten Jungs“, sagt er. Der Anwalt arbeitet für die Hilfsorganisation „Texas Defender Office“ und vertritt Medina seit vier Jahren. Damals hatte sich der einen neuen Anwalt gesucht, weil der bisherige Verteidiger den Termin für eine Revision verschlafen hatte. Ein Freund im Todestrakt hatte Medina überhaupt erst über seine Rechte aufgeklärt. „Wenn ich keine Hilfe von Dominique Green dabei bekommen hätte, meinen Anwalt zu wechseln, wäre ich schon tot.“ Green wurde im vorigen Jahr selbst hingerichtet. Seither liest Medina noch verbissener alles über Todesstrafe, Justiz und Politik. Ein Fachliteraturstudium fürs Weiterleben. „Ich möchte die Zeit nutzen, um mir selbst helfen zu können“, sagt Medina. „Ich habe hier schon einige Menschen sterben sehen, weil sie geistig nicht in der Lage waren, sich zu verteidigen. Sie waren so weit weg, in ihrer Welt, dass sie am Ende nicht mal wahrgenommen haben, dass sie aus ihrem schwarzen Loch in die Todeskammer gebracht wurden.“ Er hat sich in den letzten Jahren selbst beigebracht, wie man Briefe an Behörden, Anwälte und Hilfsorganisationen schreibt. Medinas Zelle ist so groß wie das Badezimmer irgendeines Motels an irgendeiner Landstraße mitten in Texas. „Zwei mal vier Meter“, sagt er. Es gibt ein Video eines amerikanischen Filmemachers über diese Räume. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, eine Kloschüssel, ein Waschbecken und graue Wände. Medina hält seine Hände auseinander, um die Breite des Fensters zu demonstrieren. „Eineinhalb Meter breit und 40 Zentimeter hoch“, sagt er. Die Hände gehen wieder runter und falten sich um die Brille auf dem Tisch vor ihm. „Ich sehe die Wand und ein Fenster vom Trakt gegenüber. Und etwas Grün: das Gras unten im Hof.“ „Ich gehe oft vier Schritte auf und ab. Das ist meine Angewohnheit, wenn ich mir Sorgen mache oder mich niedergeschlagen fühle“, sagt Medina. Einmal am Tag darf er raus in einen Aufenthaltsraum, aber auch hier hat er Abstand zu den anderen Gefangenen. Zweimal in der Woche kann er ins Freie. „Jeder hat ein Gatter für sich.“ Die Mauern sind hoch, oben drüber der Himmel. Früher durften die Häftlinge noch arbeiten. Die Uniformen der Wärter nähen. Oder Basketball spielen im Freien. Damals, das war noch in Huntsville, der Stadt der Gefängnisse in Texas. Doch dann ist der Todestrakt umgezogen. Nur der Hinrichtungsraum steht noch in der Kleinstadt 40 Meilen weiter. Medina war schon einmal kurz vor einer Hinrichtung. Dann fand er den neuen Anwalt, und der konnte den Prozess noch einmal in Gang bringen. Damals hätte jeden Tag die Tür aufgehen können, und er wäre zum Gefängnischef gebracht worden. „Dort werden sie hinbestellt“, sagt Christa Haber, „sie bekommen gesagt, an dem und dem Tag wirst du hingerichtet, und dann werden sie wieder zurückgeführt.“ Vier Wochen bis drei Monate vorher muss der Delinquent sein Datum erfahren, auf das er bis zu 20 Jahre lang gewartet hat. So lange saß Troy Kunkle im Todestrakt und war damit Rekordhalter in Texas. Auch Medina hat sich mit dieser Vorstellung auseinander gesetzt, obwohl er den offiziellen Termin noch nicht kannte. „Da habe ich meinem Vater einen Brief geschrieben und ihm darin auch gesagt, wie ich meine Beerdigung haben will.“ Wie denn? Darüber möchte Medina nichts sagen. Sein Vater sitzt neben der Mutter in einem Einfamilienhaus im Süden von Houston. Im Wohnzimmer stehen dunkle Schränke, die Tür zum Garten ist offen. Der Ventilator kreist über den Köpfen. Golda Medina serviert Kaffee. „Wir erzählen ihm viel von seiner Familie“, sagt die Mutter. Über die schwierigen Themen reden sie so gut wie nie. „Er will uns schonen“, sagt Golda Medina. „Die Kinder meiner Tochter fragen ständig: Wann kommt Onkel Tony nach Hause? Und wir sagen dann: Er kommt nie mehr nach Hause.“ Letztens hat einer ihrer Enkel sogar gefragt: „Stimmt es, dass Onkel Tony auf einer Bank festgemacht wird und die Arme so auseinander hat?“, sagt die Frau und breitet ihre Arme wie Jesus am Kreuz aus. Da hat es sogar den Großeltern gereicht: „Darüber reden wir bei uns nicht.“ Die Mutter hat große Ähnlichkeit mit Anthony. Sie ist sehr freundlich. Der Vater redet nicht viel. Über ihn würden sie in den Südstaaten sagen: Er ist ein harter Hund. Getötet wird in Livingston mit der Giftspritze. Genau genommen sind es drei Spritzen. Die erste macht den ans Bett festgeschnallten Delinquenten bewusstlos, die zweite lähmt die Atmung, und die dritte beendet den Herzschlag. Es dauert nur wenige Minuten. „Wir haben uns vorher nie mit der Todesstrafe auseinander gesetzt“, sagt die Mutter. „Wie die meisten um uns herum.“ Anthony Medina also fühlt sich nicht schuldig. Das sagen viele Männer im Todestrakt. Medina sagt: „Ich finde es erbärmlich, wenn jemand die Tat bis zum Schluss bestreitet und sich erst in seinen letzten Worten vor der Hinrichtung entschuldigt.“ Medinas Berufungsprozess läuft nun schon seit vier Jahren. „Das ist ungewöhnlich lange“, findet Morris Moon. Der bisherige Richter ist vor einem Jahr in den Kongress gewählt worden. Jetzt muss sich ein neuer Richter an die Akten setzten. Moon hofft, dass die gesammelten Beweise und Aussagen ausreichen, um den Fall neu aufzurollen. Doch er hat schon Richter gesehen, die die Akte nur aufgeschlagen haben, einen falsch formulierten Satz lasen und die Akte wieder geschlossen haben. An diesen Moment denkt Anthony Medina noch nicht. „Je länger der Prozess dauert, desto besser ist es für mich.“ Im Oktober nach der Sommerpause wird der Richter entscheiden, ob er den Fall mit neuen Beweisen und neuen Zeugen neu verhandeln lässt oder Medinas Anwalt die letzten Schritte bis zum Obersten Gericht gehen muss. Medinas Mutter sagt, manchmal sei ihr Sohn depressiv und klage über Kopfschmerzen. „Fragen Sie mich, ob ich Hoffnung habe? O ja. Fragen Sie mich, ob ich glaube, dass er freikommt. Nein.“ Vater und Mutter springen auf und gehen zur Tür. „Leben Sie wohl.“ Die Worte hallen im kleinen Vorort von Houston noch lange nach.

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